Excellensas Notizen

Der Rest der Welt Edition Chemnitz – Stadtteil Zentrum

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„Das ist hinter Dresden, nicht wahr?“

Das war die meistgestellte Frage, als ich mich entschloss, nach Chemnitz zu ziehen. Und ja, Chemnitz liegt hinter Dresden, jedenfalls von Polen aus betrachtet. Das sächsische Manchester wird von ebenso wenigen Menschen auf einer Landkarte richtig verortet, wie die englische Schwesterstadt.

Wenn ich mich recht erinnere, waren die letzten Meldungen, die Chemnitz überregionale Beachtung verschafften, die Eröffnung eines unsäglichen Ladens mit dem Namen „Brevik“, der mittlerweile umbenannt wurde, aber immer noch da ist, und der aktuelle Parkhaustest des ADAC.

Aber: zwischen der Ladeneröffnung und dem Parkhaustest lag ja auch noch das Guerillakonzert von Kraftklub auf dem Dach des Terminal 3.

Ach ja, es geht ja um Stadtteile. Angeblich hat Chemnitz 39 Stadtteile. Ziemlich viel für eine Stadt mit knapp 250.000 Einwohnern. Viele Stadtteile sind mir gänzlich unbekannt. Mit den Schlagzeilen sind wir mittendrin in meinem Stadtteil. Der heißt schlicht Zentrum. Chemnitz ist die einzige deutsche Großstadt, für die erst nach 1990 wieder ein Stadtzentrum erstellt wurde. 2006 wurde die Chemnitzer Innenstadt beim DIFA-AWARD 2006, dem internationalen Immobilienpreis der Städte mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Das innerstädtische Quartier um das Rathaus sei, so die Jury, als „gelungene Mischung aus Einzelhandel, Büro, Gastronomie, Wohnen, Freizeit und Kultur ein Paradebeispiel erfolgreicher Entwicklungspolitik in Deutschland“. Will heißen, die Ketten, die in Innenstädten das Bild prägen und uns manchmal zweifeln lassen, ich welcher Stadt wir gerade aufgewacht sind, sind alle schon da. Die ganzen Museen und Theater sind hier. Hier steht das Karl-Marx-Monument. Hier ist der Ort, an dem jeder jemanden kennt, bei dem schon mal eingebrochen wurde. Der Ort, an dem man die alten Menschen, die abends in den öffentlichen Mülleimern Pfandflaschen und Essen suchen, kennt. Der Ort, an dem man abends schon mal den Schritt beschleunigt, wenn man alleine unterwegs ist. Als ich in meinen Stadtteil gezogen bin, war er out. Das Stadtzentrum war nicht als solches zu erkennen, und die Bürgersteige wurden um 20 Uhr hochgeklappt. Das passiert heute erst um 22 Uhr. Die Entwicklung schreitet voran. Und ja, ich mag meinen Stadtteil und würde nirgendwo anderes wohnen wollen.

Chemnitz ist heute die in Mitteldeutschland am stärksten industrialisierte Region. Bleibt Raum für Kultur? Ja. Und zwar nicht nur für die subventionierte Hochkultur. Chemnitz leistet sich Oper, Ballett, Philharmonie, Schauspiel und Figurentheater ebenso wie die Kunstsammlungen Chemnitz (Museum des Jahres 2010), das Museum Gunzenhauser, das Industriemuseum, das Kulturkaufhaus DASTietz, in dem das Naturkundemuseum (mit dem steinernen Wald), die VHS, die Stadtbibliothek und die Neue Sächsische Galerie untergebracht sind und noch einiges mehr. Und all das passt in meinen Stadtteil, das Zentrum. Natürlich gibt es ständiges Gerangel ums Geld und natürlich leiden kleinere Projekte unter den Subventionen für die Großen. Aber in Chemnitz ist halt auch die AG. Geige entstanden, Carsten und Olaf Nicolai sind von hier und die Jungs vom Kraftklub ebenso. Das Weltecho, der Club Atomino und das Kunstfestival Begehungen meistern das Überleben trotzdem und liegen jenseits des mainstream. Wie die zahlreichen kleinen Galerien, die in erster Linie Werke der hiesigen Künstler, darunter ein paar ganz großartige, angesichts der doch geringen Kaufkraft in dieser Stadt überleben, weiß ich nicht so recht, aber es scheint zu gehen.

Chemnitz ist also nicht nur die Stadt der rauchenden Schornsteine. Und wenn jetzt der ein oder andere anfängt zu googeln, wovon ich hier eigentlich geschrieben habe, habe ich mein Ziel erreicht. Ein paar Bilder zu Chemnitz gibt es hier. Alle aus meinem Stadtteil, der überraschend grün ist.

Und wer jetzt Lust auf Stadtteile in Hamburg, dem Ruhrgebiet, in Deutschland und dem Rest der Welt bekommen hat, schaut hier und hier und hier.

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